Helene TAUSSIG, geboren am 10. Mai 1879 in Wien, Residenzstadt der Monarchie Österreich-Ungarn, war das fünfte von zwölf Kindern des jüdischen Ehepaares Sidonie, geborene Schiff, und Theodor Ritter von Taussig.
Ihr Vater, schon als 30-jähriger in den Adelsstand erhoben, war einer der erfolgreichsten und angesehensten Bankiers.

Er hatte als junger Bankfachmann die nach dem Börsenkrach von 1873 insolvente Bodenkreditanstalt, die das Privatvermögen des Kaiserhauses verwaltete, saniert und zum führenden Finanzinstitut der Donaumonarchie ausgebaut. Schließlich war er Gouverneur der Bodenkreditanstalt und Präsident etlicher Großbetriebe, der Staatseisenbahngesellschaft, der Waffenfabrik in Steyr et cetera.

Theodor von Taussig saß überdies im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, womit gesagt ist, dass er als einer der prominentesten Repräsentanten des assimilierten jüdischen Groß- und Bildungsbürgertums in der Monarchie nicht zum Christentum konvertierte und derart Karriere machte.

Der am 24. November 1909 verstorbene Theodor von Taussig wurde im Palais der Bodenkreditanstalt feierlich aufgebahrt und in der israelitischen Abteilung des Wiener Kommunalfriedhofs bestattet. Im selben Grab wurde seine im Jahr 1936 verstorbene Witwe beigesetzt: »in aller Stille«, wie es hieß.
Sechs Tage nach ihrem Tod erschien immerhin in der Neuen Freien Presse eine Todesanzeige, auf der die Namen der in der Donaumonarchie geborenen drei Söhne und neun Töchter der einst prominenten Familie Taussig stehen.

Nach den politischen Brüchen geriet die Familie gänzlich in Vergessenheit, weshalb kaum jemand weiß, dass sich drei der zwölf Geschwister unter den Shoah-Opfern befinden: Alice von Wassermann und Clara von Hatvany-Deutsch, die älteste respektive zweitälteste der zwölf Geschwister, und die Künstlerin Helene von TAUSSIG, deren Leben und Wirken erst nach fünf Jahrzehnten des Schweigens mit Hilfe des engagierten Salzburger Künstlers Wilhelm Kaufmann in Erinnerung gerufen werden konnte.1

Das künstlerische Schaffen der Helene von TAUSSIG, die im Jahr 1923 vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertierte, kann dank der fundierten Monografie des Kunsthistorikers Nikolaus Schaffer, Kustos am Salzburg Museum, als bekannt vorausgesetzt werden.2

Rätselhaft bleibt allerdings, warum die vom Künstler Wilhelm Kaufmann geretteten, im Jahr 1988 dem Salzburger Museum Carolino Augusteum ausgehändigten und dort 2002 – ohne Hinweis auf Eigentumsverhältnisse – präsentierten 19 Bilder der unter dem NS-Regime ermordeten Helene von TAUSSIG nicht sofort, sondern erst 2012 an die Erben restituiert wurden.
Da einer der Erben seine Bilder verkaufte, befinden sich nun elf »gerettete Bilder« der Helene von TAUSSIG im rechtmäßigen Eigentum des Salzburg Museums.

Helene von TAUSSIG, die mit Unterbrechungen rund 20 Jahre in Anif bei Salzburg, seit August 1934 in ihrem vom Architekten Otto Prossinger entworfenen Atelierhaus lebte und arbeitete, blieb zunächst als Konvertitin unter dem NS-Regime unbehelligt, wurde aber von der Gestapo am 28. Februar 1940 nach Wien abgeschoben, von dort wieder zurück nach Salzburg, am 29. April 1940 abermals verhaftet und nach Wien abgeschoben, wo sie im Kloster (Altersheim) der Karmelitinnen Zuflucht fand: Wien 21, Töllergasse 15, die Deportationsadresse von über 70 katholisch konvertierten Jüdinnen und Juden, darunter die ebenfalls aus Salzburg vertriebenen Franziska van ALDERWERELT und Rudolf Erich MÜLLER.

Am 9. April 1942 wurde Helene von TAUSSIG in das im besetzten Polen, dem reichsdeutschen »Generalgouvernement«, liegende Ghetto Izbica deportiert, entweder im Ghetto oder in Belzec, Sobibor oder Majdanek ermordet.
Laut offiziellem Totenschein sei die 62-jährige Helene »Sara« TAUSSIG am 21. April 1942 an einem »Herzfehler« in Izbica verstorben.

Helene von TAUSSIGS Schwester Alice von Wassermann-Verheyden wurde von Belgien nach Auschwitz deportiert und ermordet – ihr Sohn Robert von Wassermann, der sich ebenfalls im 20. Deportationszug nach Auschwitz befand, konnte dank der Befreiungsaktion belgischer Widerstandskämpfer überleben.3

Ihre im ungarischen Transitcamp Kistarcsa inhaftierte Schwester Clara von Hatvany-Deutsch kam ebenfalls unter dem Terrorregime zu Tode.
Ihr in Ungarn lebender Bruder Dr. Karl von Taussig starb am 25. Mai 1944 in Budapest, wenige Wochen nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen und während der massenhaften Deportationen.
Weitere Recherchen ergaben, dass die Geschwister Hedwig May-Weisweiller, Emmy Redlich, Flora Paul-Schiff, Gertrude Schüller, Herma Artaria, Adele Mayer, Georg und Felix von Taussig die Terrorjahre überstehen konnten.

Das noch zu Lebzeiten der Helene von TAUSSIG »arisierte« Atelierhaus in Anif wurde im Oktober 1941 vom Landesbeamten Hofrat Dipl. Ing. Josef Wojtek erworben und im Jahr 1943 seiner Tochter Leopoldine durch Schenkung übertragen. Die auch unter dem NS-Regime recht aktive Künstlerin »Poldi« Wojtek war die geschiedene Ehefrau des Kunsthistorikers und Kunsträubers Kajetan Mühlmann.

Angesichts des Faktums, dass die Nutznießer des NS-Regimes im befreiten Salzburg gut etabliert und vernetzt blieben, ist es wenig überraschend, dass sich die Restitution des 1941 enteigneten Atelierhauses in die Länge zog.
Im Grundbuch der Gemeinde Anif konnte erst nach einem gerichtlichen Vergleich am 23. November 1953 das Eigentumsrecht für die Erbinnen nach Helene von TAUSSIG, für ihre Nichten Silvia und Marietta, eingetragen werden. 1983 wurde allerdings ihr unkonventionelles Atelierhaus verkauft und mittlerweile auch demoliert.

Dank der Initiative des Anifer Bürgers Rupert Horner und des Bürgermeisters Dr. Hans Krüger konnte Gunter Demnig für die als »guter Geist von Anif« gerühmte Helene von TAUSSIG auf dem Kirchenplatz einen Stolperstein verlegen – vor den emporragenden Büsten Anifer Persönlichkeiten: Dr. Hans Katschthaler (Landeshauptmann), Graf von Moy (Schlossherr), Herbert von Karajan und Norio Ohga (CEO Sony).

Dank der Informationen von Andrew Schuller (Sohn der Gertrude Schüller/Schuller, einer Schwester der Helene von Taussig) ließen sich biografische Lücken schließen.

1 Wilhelm Kaufmanns Erinnerung in: Gert Kerschbaumer, Faszination Drittes Reich, Salzburg 1988, S. 42

2 Nikolaus Schaffer: Nachruf nach 50 Jahren, in: Das Salzburger Jahr 1988/89, S. 12-17. Nikolaus Schaffer: Helene von Taussig (1879-1942). Die geretteten Bilder. Katalog der Sonderausstellung des Salzburger Museums Carolino Augusteum, Salzburg 2002

3 Marion Schreiber: Stille Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz. Vorwort von Paul Spiegel, Berlin 2008

Quellen

  • Israelitische Kultusgemeinde Wien
  • Stadt- und Landesarchiv Salzburg und Wien
  • Shoah-Datenbanken DÖW und Yad Vashem
Autor: Gert Kerschbaumer

Stolperstein
verlegt am 03.07.2014 in Anif, Kirchenplatz

<p>HELENE TAUSSIG<br />
JG. 1879<br />
VERHAFTET APRIL 1940<br />
DEPORTIERT 9.4.1942<br />
GHETTO IZBICA<br />
ERMORDET 21.4.1942</p>
Helene von Taussig
Foto: Salzburg Museum Anif Kirchenplatz
Büsten Herbert von Karajan und Norio Ohga (CO Sony), schräg gegenüber der zwischen Pflastersteinen liegende Stolperstein für Helene von Taussig (Shoah-Opfer)
Foto: Gert Kerschbaumer Anif Kirchenplatz
Büsten Hans Katschthaler (Landeshauptmann) und Graf von Moy (Schlossherr), zwischen Pflastersteinen liegend der Stolperstein für Helene von Taussig (Shoah-Opfer)
Foto: Gert Kerschbaumer Atelierhaus mit Flachdach für Helene von Taussig, errichtet 1934 von Otto Prossinger, Architekt in Salzburg (1906-1987)
Foto: privat

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